Eingespieltes Team: Beat und seine Frau Mirjam bewirtschaften den Hof La Vignetta im freiburgischen Mannens mit Hilfe von Robotern.

Bauer Sticher

Big Data auf dem Bauernhof

Nummer 52 hat die zulässige Zeit-Toleranz überschritten. Nummer 52 ist eine Kuh und sollte dringend gemolken werden – seit zwei Stunden schon. In grellem Rot leuchtet das Warnsignal in der App von Beat Sticher auf – ein Blick auf den Screen genügt, um zu erkennen, dass die schwarz-weiss gefleckte Kuh überfällig ist. «Meist genügt es dann, sie anzustupfen», meint der Landwirt.

In der Tat: die Kuh marschiert ganz selbständig in den Melkstand. Dort werden ihre Zitzen von einer 3D-Kamera gescannt und das Euter als das von Kuh Nummer 52 erkannt: dann saugt sich das Melkzeug an und es beginnt das Abpumpen der Milch.

 

Nach rund 9 Minuten ist bei Nummer 52 der Milchfluss derart tief, dass der Roboter erkennt: das Euter ist leer. Er stellt seine Arbeit ein. Die Tür öffnet sich wie von Geisterhand und die Kuh ist wieder in die Bewegungsfreiheit entlassen. Beat Sticher kontrolliert nun die App auf seinem Handy: 35 Liter Milch hat Nummer 52 gegeben - ein solider Durchschnitts-Wert für eine Hochleistungsmilchkuh. Das zeigt ihre Langfrist-Ertragskurve auf dem Computer.

 

Melkroboter bei der Arbeit: Jede einzelne Zitze der Kuh wird von einer 3D-Kamera gescannt.

Seit Beat Sticher (46) und seine Frau Mirjam (44) ihren Stall 2016 voll automatisiert und digitalisiert haben, sind sie auf allen Kanälen, mit Handy und Computer stets im Bilde, was in ihrem Stall geschieht oder eben fehlt. Sie kennen die Mengen von Milch, die jede einzelne ihrer 95 Kühe liefert und die Qualität wird laufend analysiert. Ebenso kennen sie deren Hormon- und Gesundheitszustand. Der Bauer wird alarmiert, wenn eine Kuh zu wenig frisst. Dieser Datenflut aus dem Stall sind auch die früheren Kuh-Namen zum Opfer gefallen – Ziffern lassen sich computertechnisch einfach besser be- und verarbeiten.

 

Möglich macht all das ein ausgeklügeltes System von Robotern, Sensoren und Analysesystemen, dessen Software die Maschinen steuert und die Daten kontinuierlich aktualisiert. «Smart Farming», so lautet der Fachbegriff, ist Big Data auf dem Bauernhof.

 

Hier schlägt das digitale Herz der gesamten Anlage: Der Herd Navigator analysiert die Milch, und wertet die gesammelten Daten aus.

Digitale Schaltzentrale: Auf dem Screen oder einem App auf dem Smartphone überwacht Beat Sticher die Qualität der Milch und den Zustand der Tiere.

Für die Stichers bedeutete all dies eine Investition von rund 17000 Franken pro Kuhplatz, die auch den Bau eines neuen, rund 2000 Quadratmeter grossen Stalls erforderte - eine Frage des Überlebens:  «Wir mussten entscheiden, ob wir die Landwirtschaft nur noch im Nebenjob betreiben können oder wir in unsere Zukunft als Bauern investieren» sagt Mirjam Sticher. Sie wagten den Schritt nach vorne. Finanzieren konnten sie das Projekt mit Bankkrediten und einem zinslosen Darlehen des Kantons. Das Ziel: effizientere und grössere Produktion. Und: die Stichers wollen ein Familienbetrieb bleiben. Der 21jährige Sohn lässt sich zum Landwirt ausbilden; eine der beiden Töchter will Tiermedizin studieren.

Riesig: Um ihre Effektivität steigern zu können, haben die Stichers einen neuen, 2000 Quadratmeter grossen Stall gebaut.

Nachwuchs: Die Stichers arbeiten ausschliesslich mit Kühen, die sie selbst grossgezogen haben.

Big Data auf dem Bauernhof: Video-Portrait

110 Kühe und über 70 Jungtiere, hinzu kommt der angeschlossene Getreideanbau – all das wird von drei Personen bewirtschaftet. Geht das? «Ja», sagt Beat Sticher, «und wir haben heute dank Digitalisierung sogar mehr Freizeit als früher». Maschinen nehmen dem Menschen Arbeit ab; die gesammelten Daten erleichtern das Management des Hofs. Erstmals richtig bewusst wurde dies den Stichers an Weihnachten 2016, kurz nachdem sie den neuen Stall bezogen hatten. «Wir waren zum ersten Mal überhaupt so früh mit dem Tageswerk fertig, dass wir um 18 Uhr gemeinsam essen konnten», sagt Mirjam Sticher. Seit die Maschine das Melken übernimmt, gibt es für den Bauern Entlastung - keine brüllenden oder gestressten Kühe mehr, die auf die Melkmaschine warten, welche die ersehnte Erleichterung bringt. Die Tiere bewegen sich frei im Stall, gehen selbständig in den Melkstand wenn es Zeit ist, angelockt durch Kraftfutter. Hier ist aber der Computer der Chef – kommt eine Kuh zu früh zum Melken, gibt es kein Futter und sie muss unverrichteter Dinge wieder abziehen. Maschinell zusammengeschoben und entsorgt wird auch die Gülle in den Zwischengängen der Boxen und jede Stunde versorgt der Futterroboter beide Stallseiten mit Nahrung. Eine lange Prozession von schwarz- weiss gefleckten Rindviechern setzt sich dann gemächlich dorthin in Bewegung. Anschliessend wird gefressen, was das Zeug hält: durchschnittlich 45 Kilo Heu und anderes Futter pro Kuh und Tag und hundert Liter Wasser gegen den Durst.

 

Wichtig nebst der Fütterung sind aber auch sorgfältig zu bewirtschaftende Laktatphasen der Kühe. Der Grund: in der ersten Phase nach dem Kalben gibt die Kuh die grössten Mengen an Milch, danach flacht diese Kurve kontinuierlich ab. Bauer Sticher weiss dank einem ausgeklügelten digitalen Analysesystem, dem Herdnavigator, genau wie es um die Milchqualität steht. Automatisch werden Milchproben der Kühe auf Teststäbchen geträufelt, die so gewonnen Daten bekommen die Stichers auf den Überwachungsbildschirm im Büro und auf das Handy übermittelt.

 

Bei allem Respekt den sie vor dem Schritt in die schöne neue digitale Welt in der Landwirtschaft hatten: heute sind Beat und Mirjam Sticher froh, dass sie ihn gewagt haben. «Nicht nur wir haben an Lebensqualität gewonnen», sagen beide, «sondern auch unsere Tiere».

 

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